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AIDS    

       

AIDS steht für "Acquired Immune Deficiency Syndrome", zu deutsch: "Erworbener Immundefekt." Ausgelöst wird dieser Immundefekt durch eine Infektion mit HIV ("Human Immunodeficiency Virus", zu deutsch: "Menschliches Immundefekt-Virus"), einem aus mehreren Virustypen und Subtypen bestehenden Virus aus der Gruppe der Retroviren.
"HIV schädigt das Immunsystem, indem es die Helferzellen (auch CD4-Zellen, T4-Zellen oder T4-Helferzellen genannt) befällt und sich in ihnen vermehrt. Die Helferzellen haben unter anderem die wichtige Funktion, andere Zellen des Immunsystems bei der Abwehr eingedrungener Erreger zu steuern. Mit der Zeit nimmt die Zahl der Helferzellen ab. Das Immunsystem verliert damit seine Fähigkeit, den Körper vor Krankheiten zu schützen. Wenn sich "opportunistische" Infektionen ( bereits im Körper vorhandene Erreger, die das geschwächte Immunsystem "nutzen", um sich ungehindert zu vermehren) entwickeln, spricht man vom "Vollbild AIDS" (siehe Broschüre "Rund um die Kombinationstherapie", Deutsche AIDS- Hilfe e.V., Dez. 2000). Klinisch würde man in diesem Fall vom Stadium C 3 sprechen, d.h., es sind bereits weniger als 200 CD4-Zellen vorhanden und schwere Begleiterkrankungen aufgetreten.
Die Übertragung findet im wesentlichen auf direktem Wege durch Blut-zu-Blut Kontakte oder – indirekt- durch ungeschützte Sexualkontakte statt. In Deutschland sind vor allem homo- und bisexuelle Männer und Drogengebraucher/innen infiziert. Allerdings steigt die Zahl der bei heterosexuellen Kontakten infizierten Menschen – und damit auch der Frauenanteil – langsam an. Mutterleibsinfektionen oder auch Übertragungen beim Stillen eines Säuglings durch infizierte Mütter sind möglich, aber in den westlichen Industriestaaten durch entsprechende Vorsorgemaßnahmen sehr selten.
Für Pflegesituationen und im klinischen Bereich stellt uns AIDS vor keine neuen Hygieneprobleme: Es gilt den direkten Kontakt mit Blut von infizierten Menschen zu vermeiden – wie bei allen anderen Patienten auch! Um auch die Übertragung von Begleiterregern zu vermeiden, empfiehlt es sich, sorgfältig alle Maßnahmen einer "erhöhten" und verantwortungsvollen Alltagshygiene einzuhalten.
Verlauf einer HIV-Infektion: Bereits kurz nach der Ansteckung beginnt das Virus, sich vorübergehend stark zu vermehren. Das kann völlig unauffällig geschehen oder bei einigen Menschen mit grippeähnlichen Krankheitszeichen verbunden sein, die bald wieder abklingen. Danach folgt, obwohl das Virus sich weiter vermehrt und das Immunsystem schädigt, eine oft sehr lange (häufig10 Jahre und mehr) unauffällige und symptomfreie Phase. Erst wenn durch die dauerhafte Belastung mit dem Virusgeschehen das Immunsystem bereits nachhaltig geschädigt ist, treten erste Krankheitsanzeichen auf. Zunächst sind das unspezifische Krankheitsanzeichen allgemeiner Art, z.B. länger andauernde Lymphknotenschwellungen, starke Gewichtsverluste, Nachtschweiß, erhöhte Körpertemperaturen oder länger anhaltende Durchfälle. Erst wenn - nach einer weiteren Schädigung des Immunsystems – bestimmte schwere Begleiterkrankungen ausbrechen, spricht man von "AIDS". Dazu zählen z.B. die PcP (Pneumocystiscarinii-Pneumonie), eine spezielle Form der Lungenentzündung, infektiöse Erkran-kungen anderer Organe, z.B. der Speiseröhre mit dem Hefepilz Candida albicans. Auch Viren wie Herpes simplex oder Herpes zoster können zu schweren Erkrankungen führen. Gefürchtete Begleiterkrankungen sind auch z.B. Infektionen mit speziellenTuberkuloseerregern, Toxoplasmose, Cytomegalie oder dem Erreger der PML (Progressive multifokale Leukence-phalpathie). Die häufigsten Tumorerkrankungen im Zusammenhang mit AIDS sind durch Viren mitbedingte Krebsarten, z.B. das Kaposi-Sarkom (Hautkrebsart), Gebärmutterhalskrebs sowie Lymphome (bösartige Tumoren in den Zellen des Lymphgewebes). Weil zusammen mit HIV – gewissermaßen "huckepack" - auch viele Begleiterreger die Blut-Hirn-Schranke überwinden, werden durch viele dieser Erreger schwere Infektionen im Gehirn ausgelöst. Die daraus entstehenden Schäden, z.B. durch eine Schädigung großer Hirnregionen nach Befall mit HIV (HIV-Enzephalopathie) oder durch Entzündungsherde im Gehirn (z.B. nach Befall mit Toxoplasmose- oder PML-Erregern) bedingt, prägen heute das Spätbild der AIDS-Erkrankung: Zum einen begegnen wir psychiatrischen Auffälligkeiten mit Konzentrations- und Orientierungsstörungen, Orientierungsverlusten in eingeschränkten Bereichen (z.B. örtlich) bis hin zur vollständigen Demenz und Hilflosigkeit. Zum andern treffen wir auf Menschen mit schweren neurologischen Ausfällen, z.B. Lähmungen einzelner Gliedmaßen bis hin zu ausgeprägten Halbseitenlähmungen, Ausfällen des Sprechvermögens oder anderer zentraler Funktionen und auch Menschen mit häufig wiederkehrenden epileptischen Anfällen. Oft sind AIDS-Kranke noch jung, mit einer stabilen Grundkonstitution. Es entstehen so häufig sehr komplexe Krankheitssituationen mit einem ungewöhnlich aufwändigen Betreuungsbedarf.
Behandlungsmöglichkeiten: Bisher gibt es noch kein Medikament, das AIDS heilen könnte. Auch der ersehnte Impfstoff ist noch nicht in Sicht. Aber mit immer mehr und besseren Medikamenten gegen das Virus und auch gegen die Begleiterreger kann man heute immer effektiver den Ausbruch der Erkrankung hinausschieben und oft auch Menschen aus bereits schweren Erkrankungsschüben wieder stabilisieren. In der Regel ist eine antiretrovirale Therapie (ART) heute eine medikamentöse Dauertherapie (Kombinationstherapie) mit drei unterschiedlichen Medikamenten , die an verschiedenen Punkten der Virusvermehrung eingreifen. Man verwendet zum Beispiel 2 Medikamente aus der Gruppe der RTI (Reverse- Transcriptase-Inhibitoren), die verhindern sollen, dass die Viren das Erbgut der befallenen Wirtszelle verändern. Ein 3. Medikament aus der Gruppe der PI (Protease-Inhibitoren) soll verhindern, dass die bereits befallene Zelle neue Viren in die Blutbahn ausschüttet. Zwei weitere Medikamentengruppen, die an anderen Stellen der Virusübertragung ansetzen, sind in der Erprobung. Gleichzeitig haben die großen Fortschritte bei der Diagnostik zu immer differenzierteren Behandlungsstrategien geführt. Durch die Bestimmung der noch intakten CD4-Zellen, Viruslastmessungen der frei im Blut befindlichen Viren und durch Resistenzbestimmungen gegen vorhandene Kombinationsmedikamente sind immer gezieltere Behandlungen möglich. Durch die immer größere Zahl der zur Verfügung stehenden Medikamente steigt auch die Zahl der möglichen Kombinationen. Die Erfolge sind in vielen Fällen beachtlich: Eine deutliche Lebensverlängerung, oft im Zusammenhang mit einer verbesserten Lebensqualität wird möglich. Im Hospiz kann das auch bedeuten, dass bis zuletzt Behandlungen sinnvoll sind – im letzten Lebensabschnitt dann mit palliativer, also auf Symptomlinderung zielender Ausrichtung.
Aber gleichzeitig wird AIDS zu einer völlig unkalkulierbaren Erkrankung. Deswegen und weil viele Infizierte aus schwierigen sozialen Situationen kommen, stellen uns AIDS-Kranke in den Hospizen in verschiedener Hinsicht vor neue Herausforderungen:
Oft kommen sie aus sozialen Randgruppen oder aus einem sehr "unbürgerlichen” Milieu. Wir werden mit Lebensgeschichten konfrontiert, die voller Brüche sind, mit Rissen in den Familiengeschichten oder zerbrochenen sozialen Beziehungen. Menschen aus sozialen Randgruppen, mit sozialen Defiziten und oft auffälligen Verhaltensweisen können den bürgerlichen und geordneten Alltag einer "normalen” Einrichtung stören. Szene-Verhaltensweisen wirken oft befremdlich auf Außenstehende. Immer wieder werden wir mit sehr jungen Menschen konfrontiert, die rebellieren und gegen den als unzeitgemäß erlebten Tod ankämpfen; fassungslos sind und vielleicht bis zuletzt scheinbar illusionäre Pläne verfolgen. Dieser Kampf und die Turbulenzen erschüttern oft das ganze Hospiz und sind nur schwer vereinbar mit unserem in der Hospizbewegung oft gepflegten Wunschbild vom friedlichen Sterben in Annahme und Geborgenheit.
Verstärkt werden diese Turbulenzen häufig durch die schweren psychiatrischen Krankheitsbilder, die – als Folge der hirnorganischen Schäden – oft das Spätbild AIDS prägen. Menschen, orientierungslos und verwirrt, aber trotz der weit fortgeschrittenen Krankheit noch mobil genug, um Bett und Zimmer zeitweilig zu verlassen, brauchen nicht nur Betreuung und Orientierungshilfen, sondern auch Beaufsichtigung und Kontrolle. Eine schwierige Gratwanderung ist da von den Mitarbeiter/innen im Hospiz gefordert. Eine Gradwanderung zwischen dem Bewahren von größtmöglichen individuellen Freiräumen und der Wahrung des Selbstbestimmungsrechtes einerseits und der fürsorglichen und beschützenden Bevormundung der betreuten Menschen andererseits.
In zunehmendem Maße beschäftigt uns aber gerade die Frage der Lebensdauer. Durch die Erfolge der antiviralen Therapie, die dadurch verlängerten Überlebenszeiten und durch therapeutische Einflussmöglichkeiten bis zuletzt werden die Krankheitsverläufe immer unkalkulierbarer. Alle unsere Definitionen, alle Prognosen erweisen sich da schnell als falsch oder unangemessen. Wer ist ein Sterbender? Ein Mensch mit einer maximalen Lebenserwartung von wie viel Wochen oder Monaten – nach ärztlicher Aussage? Wer ist, um es bürokratischer zu formulieren, Anspruchsberechtigter nach §39 a SGB V? Eingrenzungen im Sinne dieser Frage werden bei AIDS-Kranken schnell zynisch. Da kommen Menschen in einem sterbenden, dem Tode nahen Zustand, für ihre letzten Lebenstage, und es wird ein Jahr oder mehr daraus oder sie gehen gar nach diesem Jahr wieder in gebessertem Zustand nach Hause. Und es sterben Menschen, schnell und unerwartet aus einer vermeintlich stabilen Gesundheitssituation heraus – wider alle ärztlichen Prognosen. Viele Menschen bleiben für lange Zeit, angewiesen auf die intensive, palliativ ausgerichtete Betreuung des Hospizes. Alle Aussagen über Krankheitsverläufe oder zu erwartende Lebensdauer erweisen sich dabei als völlig untauglich und aus der Luft gegriffen.
Was tun wir mit Patienten, bei denen trotz ihres schwerkranken Zustandes auch eine Besserung denkbar ist? Oder mit Menschen, die wider Erwarten nicht sterben sondern sich stabilisieren? Werfen wir sie raus, weil sie nicht mehr sterbend genug sind? Oder weisen wir sie ab, weil sie noch nicht sterbend genug sind? Das sind wirklich schwierige Fragen. Was machen wir, wenn der MDK nach 4 oder 8 Wochen bei der routinemäßigen Überprüfung zum Ergebnis kommt, dass der Aidskranke Mensch wegen seines stabileren Gesundheitszustandes nicht mehr ins Hospiz gehört? Verlegungen der meistens nach wie vor sehr pflege- und betreuungsbedürftigen Menschen sind in solchen Situationen ethisch höchst fragwürdig, weil sie inzwischen im Hospiz oft eine letzte "Heimat" gefunden haben.
Angesichts immer engerer Vorgaben und kürzerer Verweildauer in den stationären Hospizen in Deutschland, werden AIDS-Kranke "konzeptionswidrig". Wenn wir auch AIDS-Kranken in Zukunft den Zugang zur stationären Hospizbetreuung offen halten wollen, brauchen wir ein erweitertes Verständnis von Hospiz. Das stationäre Hospiz ist dann, trotz aller gegebenen Möglichkeiten der palliativen Betreuung, nicht in erster Linie palliativ-medizinische und pflegerische Spezialinstitution für die allerletzten Tage, sondern vor allem der sichere und behütete Lebensort für die letzte Lebensphase – wie lange auch immer diese dauern mag.

Literatur:
HIV / AIDS – Heutiger Wissensstand. Broschüre der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. Berlin
Rund um die Kombinationstherapie. Broschüre der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. Berlin
AIDS-Forum DAH, Band 46: Selbstbestimmt versorgt am Lebensende?
Grenzwanderungen zwischen Aids- und Hospizbewegung. Berlin 2004

Verfasser: Thile Kerkovius, Haus Maria Frieden, Auf der Hub 1, 77784 Oberharmersbach