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Aus der Exotennische ins Rampenlicht
Hospizarbeit in Bewegung
Thile Kerkovius,
Haus Maria Frieden |
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Es bewegt sich etwas in der Hospizarbeit. In vielen
Zusammenhängen stoßen die Gedanken und Ansätze
der Hospizidee auf zunehmendes Interesse. Wie wir mit
dem Lebensende umgehen wollen, wie wir unsere sterbenden
Mitmenschen menschenwürdig versorgen können,
welche Vorstellungen von einer guten angemessenen Begleitung
für diese Situation wir haben, sind Fragen, die
nicht nur in den Einrichtungen der Hospizbewegung sondern
mehr und mehr auch in der (Fach-) Öffentlichkeit
diskutiert werden. Der menschenwürdige Umgang gerade
mit den Sterbenden wird dabei wichtiger Prüfstein
(und Qualitätsmerkmal) für eine gute Pflege
in allen einschlägigen Institutionen. Das war nicht
immer so. In den Anfängen, mitten in einer von
wissenschaftlich-technischen Fortschritten begeisterten
Entwicklung, schien die Hospizbewegung eher eine etwas
exotische Nische für einzelne stark bewegte ältere
Damen und etwas überengagierte Sozialarbeiterinnen
zu sein. Sterben und Tod auf so vehemente Weise zum
öffentlichen Thema zu machen, wirkte ein bisschen
geschmacklos und stieß eher auf Skepsis und Befremden.
Rückblick:
Die deutsche Hospizbewegung hat an der Entwicklung in
England angeknüpft. Dort ist der Hospizimpuls verbunden
mit dem Namen von zwei Frauen, zum einen indirekt-
mit dem von Elisabeth Kübler-Ross, der berühmten
Ärztin und Sterbeforscherin und zum andern natürlich
mit dem von Cicely Saunders, der legendären Gründerin
von "St. Christophers". Wie kam es zur
Gründung dieses Hospizes?
Es hatte sich gezeigt, dass im Verlaufe der rasanten,
von naturwissenschaftlich-technischem Fortschritt geprägten
Entwicklung des 20. Jahrhunderts unsere Krankenhäuser
immer mehr zu technisch hochgerüsteten und naturwissenschaftlich
orientierten Spezialeinrichtungen geworden waren mit
dem Ziel, vor allen Dingen Akutverletzte und akut erkrankte
Menschen angemessen zu versorgen und in einer schnellstmöglichen
Zeit wieder gesund zu machen. In diesem Sinne hat der
moderne Medizinbetrieb grandiose und bahnbrechende Leistungen
vollbracht. Es wurde dabei aber auch die Schattenseite
dieser Entwicklung immer deutlicher: Für Menschen,
die nicht in eine solche Ausrichtung passten, chronisch
Kranke, unheilbar Kranke und sterbende Menschen, waren
diese Einrichtungen kein guter Ort mehr. Sterbende Menschen
kamen in den Hochleistungskrankenhäusern
salopp gesagt- unter die Räder, sie passten nicht
mehr in das Konzept. Die Gründer der ersten englischen
Hospize haben immer wieder einen Satz zitiert, den man
oft hören konnte und leider immer noch hört
im Zusammenhang mit todkranken Menschen, "austherapiert"
nach medizinischer Terminologie: "Für den
können wir nichts mehr tun". Das ist ein schrecklicher
Satz, weil er auf so drastische Weise unsere ganze Hilflosigkeit
offenbart gegenüber solchen Patienten. Und schrecklich
ist dieser Satz zum andern, weil er in jeder Hinsicht
falsch ist. Falsch, weil wir gerade für den todkranken
Menschen so viel tun können und müssen, um
ihm in seiner größten Lebenskrise beizustehen.
Falsch ist dieser Satz aber auch in dem ursprünglich
gemeinten medizinischen Sinne, denn auch medizinisch
können und müssen wir für einen todkranken
Patienten sehr viel tun. Allerdings ist die medizinische
Behandlung dann keine kurative, d.h. auf die Heilung
und Wiederherstellung ausgerichtete, sondern eine palliative,
also eine umhüllende, auf die Linderung der quälenden
Begleitsymptome und Komplikationen ausgerichtete Behandlung.
Es war das Anliegen der Hospizgründer in England,
diesem resignativen Satz etwas entgegenzusetzen und
Einrichtungen zu schaffen mit guten und menschenwürdigen
Lebensbedingungen für sterbende Menschen.
Die Idee, dieses neuerwachte Bewusstsein für die
Nöte sterbender Menschen, fand schnell eine große
Resonanz und es kam in England bald zur Gründung
weiterer Hospize und entsprechender Pflegedienste und
mittlerweile gehören dort Hospize zum Gesamtkonzept
der Gesundheitsversorgung. Auch im angloamerikanischen
Ausland, in Kanada und den USA, wurde der Impuls aufgegriffen.
Und es zeigte sich, dass dieses Anliegen gerade deshalb
eine solche Resonanz auslöste, weil es offensichtlich
ein gesamtgesellschaftliches Problem gab im Umgang mit
dem Sterben und dem Tod und keineswegs nur ein medizinisches.
Es wurde deutlich, dass wir das Sterben und den Tod
mehr und mehr verbannt hatten aus unserem öffentlichen
Leben. Man begegnete im alltäglichen Leben diesem
Phänomen immer seltener. In repräsentativen
Umfragen hat man immer wieder abgefragt, wann Menschen
wirklich konkret in ihrem persönlichen Umfeld mit
dem Sterben konfrontiert wurden in unserem Kulturkreis.
In wiederholten Umfragen dieser Art ergab sich ein Durchschnittsalter
von ca. 40 Jahren. Man begegnete dem Sterben immer seltener
im Lebensalltag. Der Tod wurde so ein Ereignis, das
uns nur noch vermittelt durch die Medien begegnete und
dort entweder als Klamauk in Krimis und Spielfilmen
oder in den Nachrichten, als Folge von Hunger, Krieg,
Naturkatastrophen alles nicht mehr unser Problem.
So entstand mehr und mehr eine illusionäre Lebenshaltung,
ein Gefühl der Unsterblichkeit und unser Gespür
für die eigene Endlichkeit ging dabei verloren.
Diese Entwicklung scheint bis heute unvermindert anzuhalten.
Für unseren Umgang mit sterbenden Menschen hat
diese Lebenshaltung Konsequenzen: Wir übergeben
unsere Sterbenden den Institutionen. Die Zahlen auch
in den 90er Jahren sind trotz der mittlerweile heftig
geführten Debatte um den Umgang mit Sterbesituationen
unverändert: Ca. 75-80% aller Todesfälle finden
in Krankenhäusern oder Pflegeheimen statt, nur
der sehr geringe Rest im häuslichen Umfeld. Und
das, obwohl sich über 90% der Menschen wünschen,
zu Hause zu sterben.
In den Krankenhäusern, routinierten und medizinisch
ausgerichteten Institutionen, kommt es zur Entfremdung
des Todes. Die Menschen sterben dort nicht mehr ihren
eigenen Tod, nicht mehr so wie sie gelebt haben, sondern
sie sterben, wie es gerade kommt. Und das Sterben wird
reduziert auf den medizinischen Aspekt. Sterben wird
dann behandelt wie eine unheilbare Krankheit, gegen
die man womöglich ankämpfen muss bis zuletzt.
Wir übersehen dabei aber, dass Sterben eben keine
Krankheit, sondern ein elementarer Lebensprozess, ein
bedeutsamer Lebensabschnitt ist, und damit viel mehr
als nur Krankheit. Mit dieser eingegrenzten Sichtweise
aber zementieren wir unsere Unfähigkeit und unseren
Verlust an intuitivem Zugang zu diesem so wichtigen
Lebensproblem immer wieder neu.
Weniger im Bewusstsein der Menschen ist, dass die Hospizbewegung
in England wie in Deutschland eng verknüpft ist
mit der Euthanasiedebatte. Auch in England gab es in
den 30er und 40er Jahren eine intensive Diskussion um
das "Mercy-killing", das Gnadentöten
die Tötung auf Verlangen oder das, was wir heute
aktive Sterbehilfe nennen. Diese Debatte hat nachgewirkt,
die Hospizbewegung in England war auch der Versuch,
andere Antworten zu finden auf die Not und die Verzweiflung,
die hinter der Frage nach dem Giftbecher, der tödlichen
Spritze oder der tödlichen Infusion steht. Ganz
ähnlich war mit 20-jähriger Verzögerung
die Entwicklung hier in Deutschland: Auch hier
hat die Hospizbewegung entscheidende Impulse in der
neuentfachten Diskussion um die Euthanasie im Zusammenhang
mit dem berühmt gewordenen Hackethal-Fall der Hermine
E. und in Zusammenhang mit den Aktivitäten der
DGHS in Augsburg erhalten.
Aber auch jenseits dieser Spezialdebatte und jenseits
der Extrempositionen war die Zeit offensichtlich reif.
Immer mehr Menschen verspürten ein Unbehagen, eine
Unzufriedenheit, weil im gesellschaftlichen Zusammenhang
ein so grundlegender Aspekt unseres menschlichen Daseins
verdrängt war, tabuisiert und man leicht allein
blieb und ohne Unterstützung bei allem, was mit
diesem schwierig gewordenen Lebensbereich zu tun hatte.
Die Hospizbewegung hat dieses Tabu aufgebrochen und
das grundlegende Unbehagen vieler Menschen artikuliert,
ist Forum und Plattform geworden für Menschen,
die sich ernsthaft mit solchen Fragen beschäftigen
wollen. Und mit diesem Wind in den Segeln hat die Hospizbewegung
in Deutschland eine rasante Fahrt hinter sich, mit viel
Aufmerksamkeit durch eine wohlwollende Öffentlichkeit
und durch die Medien. Es wurde immer deutlicher, dass
es da um ein drängendes Problem unserer Zeit ging.
Und die Hospizbewegung ist Protestbewegung geworden
Protest gegen die Verleugnung von Leid und Tod,
gegen die Versachlichung und die Abgestumpftheit der
allein auf Fortschritt, Wachstum, Leistung und Unabhängigkeit
ausgerichteten Technokraten. Dieser Protest wird mehr
und mehr gehört und zur Kenntnis genommen. Die
Hospizbewegung hat etwas in Bewegung gebracht und verändert
in unserem öffentlichen Bewusstsein und in unserer
Haltung.
Ausblick:
Und diese Bewegung hat mittlerweile eine enorme Dynamik
bekommen. Die Palliativmedizin und pflege, die
entscheidende Impulse aus der Hospizbewegung erhalten
hat, "boomt" Der Drang zu einschlägigen
Fortbildungen ist groß, Kompetenzerweiterung auf
diesem Gebiet wird nicht nur in den Hospizen, sondern
auch in vielen Pflegebereichen erwartet und als Qualitätsmaßstab
gesetzt. Die angemessene und menschenwürdige Versorgung
der sterbenden Menschen ist vom lästigen Randthema
in das Zentrum unseres Bewusstseins gerückt. Und
es scheint wieder "der Mühe wert zu sein",
sich damit sehr ernsthaft auseinanderzusetzen.
Aber mit diesem neuen Bewusstsein und dem achtsamen
Umgang mit dem Lebensende geraten viele heftig diskutierte
ethische Grundsatzfragen ins Blickfeld. Die mittlerweile
europaweit mit viel Medienaufmerksamkeit diskutierte
Frage um die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe,
also der Tötung auf Verlangen, gehört dazu.
Wie sollen, wie wollen wir uns da verhalten? Als Kampf
für Patientenrechte und Selbstbestimmung scheinen
klare und glatte Lösungen verführerisch. Aus
der Sicht der Hospizidee erscheint die Tötung auf
Verlangen aber eher wie der hilflose Versuch, eine glatte
und einfache Lösung zu finden, für ein Problem,
das eben nicht glatt und einfach ist. Und wieder wird
dahinter das Bemühen spürbar, Kummer, Leid
und Tragik endgültig aus unserem Leben zu verbannen.
Eine naive und sehr materialistisch geprägte Fortschrittsgläubigkeit
kommt da zum Ausdruck. Auch in der Diskussion um Ressourcen
und Ansprüche in unserem Gesundheitswesen angesichts
immer knapperer Mittel ist man mit der Hospizidee längst
gelandet. Wer hat noch Ansprüche auf welche Leistungen?
Bei wem lohnt sich noch der Aufwand? Nur noch bei jungen,
dynamischen Menschen mit guter Aussicht auf körperliche
Gesundung? Sind unheilbar kranke Menschen hoffnungslose
Fälle? Welches Verständnis von Hoffnung liegt
einer solchen Formulierung zugrunde? Wofür wollen
wir unsere Energie und unsere finanziellen Mittel einsetzen?
Und die Fragen an den Grenzen des Lebens, um Organtransplantationen,
Hirntoddefinition, Präimplantationsdiagnostik
und Reproduktionsmedizin sind da nicht mehr weit: Wie
weit dürfen und wollen wir am Lebensanfang und
am Lebensende eingreifen?
So ist die Hospizbewegung von der "Mauerblümchennische"
mitten in einen Brennpunkt zentraler gesellschaftspolitischer
und ethischer Fragen gerückt. Die Säkularisierung
des Sterbens in der Postmoderne habe zu dramatischen
Entwicklungen geführt, schreibt der Soziologe und
Theologe Reimer Gronemeyer. "Die Hospizbewegung
reagiert aber auf ein dringliches Problem der spätmodernen
Gesellschaften, die den Tod nicht als Erfüllung,
sondern als Krankung sieht. Oder schlimmer noch: Als
das unabwendbare Verfallsdatum einer Humanressource,
bei der medizinische Intervention allenfalls das Verfallsdatum
etwas hinausschieben kann. Das Krankenhaus jedenfalls,
das neuerdings Gesundheitszentrum heißen möchte,
muss den Sterbenden eigentlich aus seinen Mauern verbannen,
da der Tod konzeptionswidrig ist. Daher das Hospiz als
Zuflucht für das heimatlos gewordene Sterben".(1)
Und er erinnert an die alte These, dass über die
Humanität einer Gesellschaft ihr Umgang mit den
Moribunden die klarste Auskunft gibt. Auf diesem Hintergrund
nennt er das Hospiz "... die heimliche Hauptstadt
der Spätmoderne". (1)
In diesem Sinne will die Hospizbewegung beitragen, dass
wieder eine menschenwürdige Sterbekultur wächst
in unserem Kulturkreis. Man müsse sich dabei aber
der Gefahr bewusst sein, dass Hospize als eine Lücke
im System der medizinischen Versorgung missverstanden
werden kann und "dass dort der Versuch gemacht
wird, die Angst der Überlebenden vor dem Tod durch
Verwaltung des Sterbens zum Schweigen zu bringen".
(1)
Aber vielleicht kann durch den Hospizimpuls im
Bewusstsein aller Gefahren und Klippen- ein neues Gespür
für die eigene Endlichkeit wachsen, dem "heimatlos
gewordenen Sterben" wieder Obdach gegeben werden.
Das Leitmotiv könnte (nach Bernhard Sill), an der
mittelalterlichen Ars-moriendi-Tradition anknüpfend
heißen: Den Tod bedenken um des Lebens willen
oder etwas moderner ausgedrückt ein
Leben wagen, in dem man Blickkontakt mit dem Tod hält.
(2)
Literatur:
1. Reimer Gronemeyer: Die späte Institution: Das
Hospiz als Fluchtburg; unveröffentlichtes Manuskript
2003
2. Bernhard Sill: Den Tod bedenken um des Lebens willen;
Psychologie heute, Heft November 2002
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