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Die
Sorge um die Kranken und Schwachen – Ein franziskanischer Auftrag für Elisabeth und heute
(von Sr. Beate-Maria Vetter, Haus Maria Frieden) |
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Caritas
- im Mittelalter eine selbstverständliche
Christenpflicht der Begüterten. War das der einzige
Grund, warum Elisabeth zu den Kranken ging und alles für
sie aufgegeben hat? Hätte sie nicht auch und vielleicht
besser und länger aus der Distanz heraus helfen können –
zu mindest finanziell? Helfen
aus der Distanz? Geht das? Helfen geht nur durch das
Wagnis der Nähe. Helfen kann zum Dienen werden. Das ist
mehr, als etwas zu geben. Da bin ich ganz dabei. Da gebe
ich mich selbst hinein. Von Elisabeth wird berichtet,
dass sie eine Begegnung mit Christus hatte. Danach sah
sie die Kranken mit anderen Augen. Hat sie
in ihnen den Bruder, die Schwester erkannt – so wie
Franziskus damals? Sich dem anderen wirklich zu öffnen,
braucht den Mut sich berühren zu lassen. Sich un –
mittel – bar zu begegnen. Dann geht auch mich das Leid
des anderen an, dann berührt es mich, dann kann ich
nicht wegschauen. Dass Menschen sich nahe kommen, gerade
in einer existenziellen Lebensphase, das erleben wir
Franziskanerinnen und unsere Mitarbeiter im Haus Maria
Frieden jeden Tag. Seit 1990 beherbergen wir im Hospiz
und Pflegeheim Menschen, die schwerstkrank und / oder
sterbend sind - vorrangig Menschen mit Aids, aber auch
Tumorpatienten. Es sind Menschen, die gestrandet sind -
nach langer Irrfahrt in der Drogenszene, nach einer
verzweifelten Suche nach der helfenden Therapie.
Gestrandet nach einer tödlichen Diagnose, die der Seele
kaum Zeit lässt nachzukommen. Im
Hospiz „Maria Frieden“ in Oberharmersbach im
Schwarzwald, können wir 11 Menschen aufnehmen. Sie
verbringen hier ihre letzten Tage und Wochen. Manchmal
auch Jahre, wenn die HIV-Therapie noch greift. Obwohl
AIDS inzwischen gut therapierbar ist, bleibt die
Krankheit unheilbar. Und bei aller Therapieeuphorie
zeigen sich mittlerweile die Nebenwirkungen der
Langzeitbehandlung. Davon abgesehen ist die
Immunschwäche immer noch behaftet mit Vorurteilen und
Ängsten. Und manche Betroffene fühlen sich trotz
Aufklärung immer noch wie Aussätzige behandelt. Doch
auch wer „nur“ an Krebs leidet, muss oft spüren wie
hilflos die Umwelt reagiert oder sich zurückzieht. Für
kranke oder sterbende Menschen bedeutet das oft
Einsamkeit in Zeiten, in denen sie Zuwendung und
Unterstützung bräuchten. Leiden und Sterben sind nicht
vorgesehen in unseren Plänen. Die Kranken selbst erleben
den Einbruch nach der Diagnose in teilweise großer
Dramatik. Sie fühlen sich oft überrollt und völlig
hilflos mit ihrem Schicksal konfrontiert. Neben
intensivem, medizinischen und pflegerischen Aufwand,
durch moderne Schmerztherapie und Palliative care,
erleben wir, dass es vor allem darum geht, Menschen zu
begleiten, ihnen nahe zu bleiben, nicht weg zu laufen,
sondern mit ihnen die Krise auszuhalten.
Vielleicht war das auch eine Erfahrung der heiligen
Elisabeth, dass es Menschen braucht, die bereit sind
einfach dabei zu bleiben. Manchmal
kommt es einfach darauf an, die offenen Fragen
auszuhalten und keine Antworten zu wissen. Das Leid des
anderen mit zu tragen, soweit das überhaupt möglich ist. Und dann
denke ich an Martin: Ausgezehrt und sterbend liegt er im
Bett. Und er hat nur einen Wunsch: sich auszusöhnen mit
seinen Eltern, Frieden zu finden, am Ende eines
aufgewühlten Lebens, in dem vieles in die Brüche
gegangen ist – aber die Eltern wollen nicht mehr kommen.
Oder ich
denke an Tashim, der viele Menschen vor ihm gehen sah
und verzweifelt fragte: Warum nimmt Gott mich
nicht?
Solche
und ähnliche Augenblicke erleben wir immer wieder – und
sie berühren uns. Das Haus Maria Frieden, die Begleitung
von Menschen in der wohl schwersten Lebensphase – in
Krankheit und Sterben, ist für uns ein franziskanischer
Auftrag in unserer Zeit. Es geht
uns darum, aus unserer Spiritualität heraus, im anderen
die Schwester und den Bruder zu erkennen. Und wir
Franziskanerinnen lernen hier, dass es nicht vorrangig
um fachkompetente Behandlung geht, sondern um
Begleitung, um menschliche Nähe und Fürsorge – um Liebe,
Caritas. Es geht um die Haltung der offenen Hände, das
vertrauende, sich hinein geben in den Augenblick, ohne
Sorge. Vielleicht steht uns die Patronin des dritten Ordens
dabei unauffällig Beiseite. Eine tröstliche Vorstellung!
Sr.Beate-Maria Vetter OSF.
Der Artikel wurde in der
Zeitschrift "Franziskuswege" der Franziskanischen
Gemeinschaft veröffentlicht.
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