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Veröffentlichungen und Presse

 
Zuflucht im Abseits - Gedanken aus einem Hospiz für AIDS-Kranke.
(Thile Kerkovius, Haus Maria Frieden in Oberharmersbach)
 

Christian starb in den Nachmittagsstunden des 24. Dezember an den Folgen seiner Aids-Infektion. Er wurde 45 Jahre alt und hatte einen ungewöhnlichen Lebenslauf voller Brüche hinter sich. Nach einem zunächst "normalen" Lebensverlauf mit Familie, Arbeit und Kindern hatten ihn einschneidende Ereignisse aus der Bahn geworfen. Die letzten 17 Jahre war er mit kleinen Unterbrechungen obdachlos. Alle Kontakte zu seinem "früheren" Leben hatte er abgebrochen und wollte sie auch nicht mehr mit unserer Hilfe neu knüpfen. Als er starb, nahm außer uns, den professionellen Betreuern, kein Mensch mehr Notiz von seinem Tod. Es interessierte niemanden mehr, es "krähte kein Hahn" nach ihm.
Christian ist kein Einzelfall im AIDS-Hospiz. Immer wieder erleben wir solche und ähnliche Schicksale und sind beeindruckt und betroffen, erleben die Dramatik und Tragik des Sterbeprozesses, kommen Menschen dabei sehr nahe, erahnen auch etwas von dem Heiligen, das vielleicht in dieser größten Krise unseres menschlichen Daseins verborgen ist – und erfahren dann umso stärker die Leere und Einsamkeit dieser aus allen sozialen Zusammenhängen gefallenen Menschen. Natürlich wissen wir, dass Christians Schicksal kein Einzelfall ist und auch nicht das letzte dieser Art sein wird im AIDS-Hospiz und sind trotzdem immer wieder fassungslos - weil es nicht zu fassen ist.
Das Haus Maria Frieden, idyllisch gelegen auf einer Anhöhe im Harmersbachtal mitten im Schwarzwald, ist ein Hospiz. In diesem mit 11 Einzelzimmern, großzügigen Gemeinschaftsräumen und allen Möglichkeiten einer guten palliativpflegerischen Versorgung ausgestatteten Haus , leben vorwiegend todkranke Menschen, AIDS-Kranke, aber auch andere unheilbarkranke und oft aus der Bahn geworfene Menschen am Ende ihres Lebens. Gerade Menschen mit AIDS scheinen in besonderem Maße angewiesen zu sein auf einen sicheren Ort, dann, wenn sie durch die fortschreitende Erkrankung schon massiv beeinträchtigt und hilfebedürftig sind. Das war der Gründungsgedanke des Hospizes in Oberharmersbach.
AIDS-kranke Menschen müssen immer noch damit rechnen, auf Ablehnung und Ausgrenzung zu stoßen. Günter, ein schwuler Mann, der seine letzten Lebensmonate in unserem Hospiz gelebt hat, fand in dem Mehrfamilienhaus, in dem er vorher gelebt hatte, eines Morgens einen Zettel an seiner Wohnungstür vor mit der Botschaft: "Wann ziehst du endlich aus, du Drecksau?" Dietmar, ein junger Drogenabhängiger, wurde, nachdem er den Sprechstundenhilfen einer Röntgenologenpraxis unaufgefordert gesagt hatte, dass er HIV-positiv sei, vom Chef persönlich aus dem vollen Wartezimmer hinausgeworfen mit den Worten: "Was bilden Sie sich eigentlich ein, in diesem Zustand in meine Praxis zu kommen?". Und einige unserer Patienten wurden, nachdem sie erkrankt waren, in ihrer Herkunftsfamilie auf dem Lande betreut. Aber sie mussten sich verstecken. Es sollte möglichst nichts nach außen dringen. Und wenn doch, dann musste eine unverfängliche Erklärung gefunden werden. "Leukämie" hieß das dann.
Angesichts der mit AIDS verbundenen brisanten Mischung von Sterben, Tod, Sucht und abweichenden Formen von Sexualität, von in jeder Hinsicht unbürgerlichen Lebensschicksalen, scheint unsere Bereitschaft zur Mitmenschlichkeit und Solidarität mit notleidenden Menschen schnell zu erlahmen. In unserer von materieller Sicherheit und enormem Wohlstand geprägten Lebenswelt scheint immer weniger Platz zu sein für alles, was nicht einer bestimmten Norm entspricht. Und Leid und Leiden als unweigerlicher Bestandteil unseres Daseins scheint nicht mehr zu unserem Lebensgefühl zu passen. Aber gerade in Notsituationen erweisen sich dann aller materieller Wohlstand, aller Luxus und unsere Aufgeklärtheit als wenig tragfähig und wir bleiben zurück in einer erschreckenden Einsamkeit.